Aber trans geht zu weit
Am Weihnachtsessen gab es wie immer Party-Filet. Ich trug einen schwarzen Rock und ein schwarzes Langarmtop. Niemand sagte etwas.
Ein paar Wochen später sagte ein Verwandter zu meiner Mutter, er sei überrascht gewesen. Wie feminin ich auftrete. Wie eine normale Frau.
Er sagte es nicht mir. Er sagte es ihr, als sie sich später trafen. Ich war nicht dabei.
Meine eine Grossmutter hatte mir ein halbes Jahr vorher gesagt, sie hätte kein Problem damit, wenn ich schwul wäre. Aber trans, das gehe zu weit.
Die andere hatte gedacht, ich laufe jetzt wie eine Dragqueen durch die Strassen.
Ich habe damals über beide Sätze hinweggehört, weil man das tut, wenn es die eigene Familie ist. Inzwischen denke ich, sie erklären ziemlich genau, warum die Debatte über uns so läuft, wie sie läuft.
Beide Sätze stammen von Menschen, die mich mein Leben lang kennen. Beide hatten vorher ein Bild von mir, das nichts mit mir zu tun hatte. Die eine wusste nicht, wohin mit mir. Die andere wusste es genau, nur falsch.
Meine Grossmutter ist 1940 geboren. In ihrer Jugend führte die Zürcher Stadtpolizei ein Register über homosexuelle Männer. Strafbar waren gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Erwachsenen seit 1942 nicht mehr. Das Register bestand trotzdem bis Ende der Siebzigerjahre. 1979 wurde es beendet und vernichtet.
Dass dieselbe Frau heute sagt, mit schwul habe sie kein Problem, ist also keine Gleichgültigkeit. In ihrem Leben hat sich etwas verschoben.
Verschoben hat es sich, weil Leute irgendwann jemanden kannten. Den Nachbarn. Den Sohn einer Kollegin. Jemanden aus dem Turnverein. Es gibt dafür einen Namen, die Kontakthypothese, 1954 von Gordon Allport formuliert. Vorurteile gegen eine Gruppe nehmen ab, wenn man Angehörige dieser Gruppe persönlich kennt.
Für Homosexualität ist das gut belegt. Eine landesweite Untersuchung in den USA fand 1993, dass persönlicher Kontakt die Einstellung gegenüber schwulen Männern besser voraussagte als alles andere. Besser als Alter, Bildung, Wohnort, Religion oder politische Haltung.
Irgendwann war die Zahl gross genug. Fast jeder hatte jemanden in der Familie, im Verein, am Arbeitsplatz. Danach wurde die Ehe für alle politisch möglich. Das heisst nicht, dass damit alles erledigt wäre. Die LGBTIQ-Helpline verzeichnete für 2025 281 Meldungen wegen queerfeindlicher Gewalt und Diskriminierung, und eine Genfer Studie kommt darauf, dass über 80 Prozent der LGBTIQ-Personen so etwas im öffentlichen Raum erlebt haben.
Bei uns ist dieser Punkt nicht gekommen.
Eine verlässliche amtliche Zahl gibt es nicht. Was sich zählen lässt, sind die Änderungen des Geschlechtseintrags, 2025 waren es rund 600. Wie viele trans Menschen insgesamt hier leben, weiss niemand. TGNS schreibt, es komme darauf an, wen man mitzähle, und nennt Schätzungen ab 0,3 Prozent der Bevölkerung. Das wären für die Schweiz mindestens rund 26’000.
Klingt nach viel. Ist es nicht, wenn fast keine davon erkennbar ist.
Das hat einen Grund, und der ist kein trauriger.
Wer durch ist, ist einfach eine Frau. Es gibt keinen Anlass, den Rest zu erwähnen, so wenig wie man erwähnt, in welchem Dorf man zur Schule ging. In der Community gibt es ein Wort dafür, stealth. Es klingt nach Verstecken. Für mich fühlt es sich nicht so an, eher wie das Ende eines Vorgangs.
Das ist der Unterschied zu Schwulen und Lesben. Dort ist das Coming-out der entscheidende Schritt, danach ist man draussen und bleibt es im Prinzip, auch wenn man es im Alltag immer wieder neu tun muss. Bei uns ist es eine Phase, und wer sie hinter sich hat, verschwindet aus der Zahl der Sichtbaren. Das ist niemandem vorzuwerfen. Es ist der Punkt, auf den alles hinauslief.
Nur führt es dazu, dass diese Korrektur oft gar nicht stattfindet. Sie leben irgendwo, arbeiten, kaufen ein, sitzen an Weihnachtsessen. Meine Grossmutter dürfte in ihrem Leben einigen begegnet sein. Sie hat es nie erfahren.
Ich könnte auch stealth gehen. Im Alltag bin ich es. Im Bus, im Laden, im Büro sieht niemand etwas, und das bedeutet mir viel. Einfach eine Frau sein, nicht eine trans Frau. Das war ja der Punkt.
Und trotzdem steht hier mein Name.
Nicht, weil ich mutiger wäre als andere. Sondern weil es jemanden braucht, der öffentlich auftritt, gerade in der Politik. Über uns wird verhandelt, in Motionen, in Editorials, in Verordnungen, und in diesen Debatten kommt selten jemand vor, den man kennt. Wenn niemand da ist, entscheidet das Bild.
Wenn persönlicher Kontakt Bilder korrigiert, bleibt die andere Frage: Woher kommt das Bild, das korrigiert werden muss?
Vor einiger Zeit sah ich einen Bericht über Natalie Rickli und ihren Vorstoss zu Eingriffen bei trans Jugendlichen. Es ging um Minderjährige und um medizinische Behandlungen. Illustriert war er mit dem Bild einer Dragqueen. Ich habe den Artikel nicht mehr greifbar, aber das Bild ist mir geblieben.
Solche Bebilderungen gibt es zuhauf. Regenbogenfahnen, Paraden, Perücken, Glitzer. Die Redaktionen suchen nicht böswillig aus, sie suchen, was verfügbar ist und was auffällt. Eine Frau aus Winterthur, die zur Arbeit geht, ist kein Bild. Eine Dragqueen ist eins.
Das ist kein Vorwurf an Dragqueens. Drag ist eine Kunstform und hat viel zur queeren Sichtbarkeit beigetragen. Nur ist Drag eine Bühnenrolle. Transsein ist keine. Es gibt nichts auszuziehen.
Wer die beiden verwechselt, macht aus einem Leben eine Kostümfrage.
Für Medien gibt es ein verwandtes Konzept, parasozialer Kontakt. Die Idee ist, dass auch der wiederholte Kontakt mit Menschen aus Medien beeinflussen kann, wie man eine Gruppe sieht.
Meine Grossmutter hatte also Kontakt. Nur nicht mit mir, sondern mit einem Bild, das Jahre vor mir da war. Sie dachte, ich laufe jetzt so durch die Strassen, weil sie die Bühnenfigur gesehen und für die Sache selbst gehalten hatte.
Das Bild kam zuerst. Der Mensch danach.
Und das Bild kostet nicht nur Zustimmung.
Wer nur Dragqueens vor Augen hat, wenn er das Wort trans hört, findet sich darin nicht wieder. Manche brauchen Jahre, bis sie merken, dass das Bild nicht die Sache war.
Und Eltern hören ein Bekenntnis, wo keines ist. Sie stellen sich etwas Lautes vor, eine Entscheidung gegen sie, gegen das, wie man das macht. Was dann kommt, ist meistens jemand, der nur in Ruhe gelassen werden will.
Das falsche Bild kostet also nicht nur Meinungen. Es kostet Zeit, manchmal viel.
Bleibt der Satz meines Verwandten. Er war überrascht, wie normal ich auftrete. Das heisst, das Bild hat sich bei ihm korrigiert. Er hat mich am Tisch sitzen sehen, und was er erwartet hatte, stimmte nicht mehr.
Nur hat er es meiner Mutter gesagt und nicht mir. Die Korrektur hat stattgefunden und ist in der Familie geblieben. Was er sagt, wenn das Thema anderswo aufkommt, weiss ich nicht.
Ich weiss auch, warum er überrascht war. Ich falle nicht auf. Aber das ist nichts, was mir zugefallen wäre. Es ist Arbeit. Alle zwei Wochen eine Stunde auf dem Stuhl, Haar für Haar, aus der eigenen Tasche. Eine Warteliste in Frankreich. Eine kleine Wohnung und keine Ferien, weil das Geld anderswo hingeht.
So gesehen habe ich mir den Satz in der Küche gekauft.
Und einen Teil davon habe ich auch einfach geerbt. Wie die Knochen sitzen, wie die Stimme klingt, wie der Körper auf Hormone reagiert. Daran kann man mit keinem Geld der Welt etwas ändern, und mit Willen schon gar nicht. Ich hatte Glück. Andere haben es nicht.
Und das ist der Teil, der mich stört. Dass die Korrektur überhaupt an so etwas hängt. An Geld und an Genetik. Eine trans Frau, die diesen Aufwand nicht leisten kann oder deren Körper anders gebaut ist, überzeugt niemanden am Weihnachtsessen. Nicht weil sie weniger Frau wäre, sondern weil sie nicht ins Bild passt, das die anderen mitgebracht haben.
Kontakt wirkt. Aber er wirkt nur dort, wo er stattfindet, und er lässt sich nicht multiplizieren. Für jede Person, die ihr Bild korrigiert, muss eine von uns an einem Tisch sitzen und den Abend über aushalten, betrachtet zu werden.
Bei 26’000 auf neun Millionen ist das keine Strategie. Es ist eine Zumutung an die, die zufällig anwesend sind.
Ich werde trotzdem wieder hingehen. Es gibt wieder Party-Filet, und ich werde wieder etwas Unauffälliges anziehen, und wahrscheinlich sagt wieder niemand etwas.
Das ist, soweit ich sehe, der ganze Plan.