Eine Motion gegen sechshundert Menschen
Das letzte Mal war ich 2018 schwimmen. Auf Hawaii. Ich war mit meinem Körper nie glücklich und ging schon davor kaum ins Wasser. Ans Schwimmen denke ich schlicht nie.
Am 10. August hat die SVP ein Editorial publiziert, das Frauen in Umkleidekabinen vor Menschen wie mir schützen will. Darüber ein Bild: sechs Frauen am Beckenrand, entsetzt, die Hände vors Gesicht. Daneben ein bärtiger Mann im Bikini. Dass die Szene nie stattgefunden hat, steht auch da, klein und grau und senkrecht gesetzt am äussersten linken Rand. Bild: KI-generiert. Deklariert ist es also. Übersehen wird es trotzdem.
Mir wurde schlecht, als ich das gesehen habe. Nicht wegen des Bildes, das ist nur plump. Sondern weil ich verfolge, was in England passiert ist, und den Anfang wiedererkenne.
Ich habe an diesem Schalter gestanden, über den sie schreibt. Vor gut einem Jahr, fünf Minuten, 75 Franken, eine Erklärung. Danach hiess ich amtlich Alyssa. Nationalrätin Nina Fehr Düsel will genau das rückgängig machen und reicht in der Herbstsession eine Motion ein. Zurück soll es zu dem, was vor 2022 galt: ein Gerichtsverfahren mit Gutachten. Ihre Begründung ist der Schutz von Frauen in Umkleidekabinen, auf Toiletten, in FKK-Zonen und im Sport. Es sei keine Diskriminierung, sondern gesunder Menschenverstand.
Aus der FDP kommt Unterstützung. Nationalrat Marcel Dobler sagt, Penisträgerinnen hätten im Paradiesli oder in Frauensaunas nichts zu suchen. Ein gewählter Nationalrat beschreibt Bürgerinnen dieses Landes über ihre Genitalien. So wird inzwischen über uns geredet.
Als konkreten Beleg nennt das Editorial genau eine Situation. Ende Juni, Berner Marzilibad, eine trans Frau wurde aus dem Frauen-FKK-Bereich Paradiesli von der Polizei abgeführt. Das Editorial erzählt den Vorfall als Beleg dafür, wohin diese Politik führt. Die Stadt Bern erzählt ihn anders. Sie hat eingeräumt, dass der Betrieb sich fälschlicherweise für eine polizeiliche Wegweisung entschieden hat. Die betroffene Person hatte die Zutrittsregelung erfüllt. Sie war zugangsberechtigt. Der Auslöser war, dass sie von anderen Gästen aufgrund einzelner körperlicher Merkmale nicht als Frau gelesen wurde. Die zuständige Direktion hat sich entschuldigt und angekündigt, das Personal zu schulen und einen öffentlichen Leitfaden zu erarbeiten.
Laut ihrem Umfeld setzten sechs Polizistinnen und Polizisten sie zu Boden, fesselten sie und hielten sie zwei Stunden fest. Sie verbrachte die Nacht im Spital, wo mehrere grosse Hämatome dokumentiert wurden. Die Polizei stellt den Ablauf anders dar und spricht von massivem Widerstand. Wie es zur Eskalation kam, werden andere klären müssen. Die polizeiliche Wegweisung war bereits als solche falsch, das hat die Stadt selber festgestellt.
Ich habe die Berichte gelesen wie vermutlich jede trans Frau in diesem Land. Nicht als Nachricht, sondern als Rechnung. Sie hat alles richtig gemacht, sie durfte dort sein, und es hat sie trotzdem getroffen. Genau dieser Fall wird im Editorial zum Beleg dafür, dass zu viele Frauen Zugang haben.
Neben den Frauenräumen nennt das Editorial auch Fairness im Sport und Rechtssicherheit. Ein Beispiel liefert es für beides nicht. Im Sport gelten zudem die Reglemente der jeweiligen Verbände, und der Registereintrag entscheidet nicht automatisch über jede Startberechtigung.
Wie viele sind wir eigentlich? Seit 2022 haben rund 3000 Personen den Eintrag geändert. Im ersten Jahr waren es gut 1100, seither pendelt sich die Zahl bei rund 600 pro Jahr ein. Für 2025 weist das Bundesamt für Statistik 600 Änderungen aus. Das sind auf neun Millionen Einwohner etwa eine Person von 15 000, in einer Stadt wie Winterthur acht Menschen im Jahr. Die hohen Zahlen am Anfang lassen sich als Nachholeffekt lesen: Menschen, die den aufwendigeren Weg vorher nicht gegangen waren, konnten es plötzlich einfacher haben. Ich war eine davon.
Und rund die Hälfte davon geht in die andere Richtung. 2025 änderten 313 Personen den Eintrag von Mann zu Frau und 262 von Frau zu Mann. Trans Männer kommen im ganzen Editorial kein einziges Mal vor, obwohl sie fast die Hälfte ausmachen. Das hat auch eine praktische Seite. Wenn der Zugang wieder am bei der Geburt eingetragenen Geschlecht hängt, gehören trans Männer mit Bart und Testosteron rechtlich ins Frauenabteil. Die Regel, die vor Männern in der Frauengarderobe schützen soll, schickt Männer in die Frauengarderobe.
Und soll der Eintrag über den Zugang entscheiden, muss ihn jemand prüfen. Am Eingang, bei nackten Menschen, durch Personal, das dafür nicht ausgebildet ist. Geprüft wird dann nicht, wer im Register steht, sondern wer nicht ins Bild passt. Frauen, die als zu gross gelten oder zu kurzhaarig. Im Marzili ist genau das passiert, und die Betroffene war zugangsberechtigt.
Bei der Toilette fällt das Argument am schnellsten auseinander. Man geht hinein, schliesst die Kabinentür, macht sein Geschäft, wäscht die Hände und geht wieder. Eine Toilette ist gerade so gebaut, dass die Nutzung hinter einer geschlossenen Tür stattfindet. Trotzdem steht sie in der Aufzählung, direkt neben der Umkleidekabine. Sie ist dort, weil sie mitgetragen wird, nicht weil sie etwas belegt.
Für mich hat sie noch eine andere Seite. Ich lebe als Frau und werde als Frau gelesen. Nach der Vorstellung der SVP hätte ich auf die Männertoilette zu gehen, also in den Raum, den Frauen ausdrücklich meiden. Ich soll ausgerechnet dorthin, wo ich am meisten auffalle. Eine Ausweispflicht in der Umkleide schützt keine Frau. Sie kontrolliert sie.
Das Editorial fragt: Wo bleibt da der Schutz der Frauen? Die Frage ist berechtigt, und die Antwort steht in der Kriminalstatistik. 2025 registrierte die Polizei 55 vollendete Tötungsdelikte, 34 davon im häuslichen Bereich. 23 der Getöteten waren Frauen. Bei Tötungen in einer aktuellen oder früheren Partnerschaft stehen 19 Frauen gegen 2 Männer. Dazu kommen 22 066 registrierte Straftaten im häuslichen Bereich, und die Vergewaltigungen darunter nahmen gegenüber dem Vorjahr um 38 Prozent zu. Der Bundesrat schreibt, im Schnitt sterbe alle zwei Wochen eine Frau an dieser Gewalt.
Ein grosser Teil der tödlichen Gewalt gegen Frauen findet im häuslichen Umfeld statt. Häufig ist der Täter der Partner oder der Ex-Partner. Die Motion setzt bei einem einzelnen Vorfall im Schwimmbad an, nicht bei dieser Gewalt. Sie enthält keine Massnahme gegen häusliche Gewalt, keine zusätzlichen Mittel für Frauenhäuser und keine einzige neue Stelle zum Schutz betroffener Frauen. Und als es im Parlament um das Sexualstrafrecht und die Zustimmungslösung «Nur Ja heisst Ja» ging, lehnte die SVP diese Lösung ab.
Ich werde dieses Jahr nicht schwimmen gehen. Nicht wegen der SVP, sondern weil ich schlicht nie ans Schwimmen denke. Das ist die Gefahr, gegen die hier eine Motion eingereicht wird. Ob ich selber ins Paradiesli gehen würde, ist eine andere Frage als ob ich es dürfen sollte. Ich würde zweimal überlegen und wahrscheinlich zu Hause bleiben, weil ich nicht diejenige sein will, über die danach in der Zeitung steht. Dass ich so rechnen muss, ist das Problem, nicht die Lösung.
Was vorgeschlagen wird, schützt keine Frau. Es schafft ein Verfahren, in dem Frauen am Eingang beurteilt werden, es schickt trans Männer in die Frauengarderobe, und es lässt jene 22 066 Straftaten unberührt, um die es angeblich geht.
Der Rest ist ein Bild, das es nicht gibt.