Was ich dir gerne gesagt hätte


Es ist nach Mitternacht und du sitzt vor dem Bildschirm. Auf deinen Nägeln kleben künstliche Nägel. Du trägst einen Rock, den niemand ausser dir selbst je gesehen hat. Deine Sachen sind überall versteckt. Die Schuhe zuunterst im Schrank, unter den aufgehängten Männerkleidern. Der Rest zuhinterst in einer Schublade im Sideboard, wo niemand auf die Idee kommt, sie zu öffnen. Bestellt hast du das meiste irgendwo aus China, in einem Moment, in dem du mutiger warst als sonst.

Dein Vater ist bei seiner Freundin. Er ist oft dort. Das ist der einzige Grund, warum du das hier überhaupt machen kannst.

Einmal wirst du einen der Nägel verlieren. Du wirst den ganzen Abend suchen und ihn nicht finden. Wochenlang wirst du Angst haben, dass er irgendwo auftaucht. Zum Glück taucht er nie auf.

Auf dem Bildschirm ist Reddit. Vorher- und Nachher-Bilder von fremden Menschen, die den Weg schon gegangen sind. Du schaust sie an und weisst nicht, was du fühlst. Neid? Sehnsucht? Gehörst du überhaupt dazu? Und wenn ja, wie weit ist es bis dahin, und wie sieht das Ende aus?

Ich schreibe dir, weil ich weiss, wie es weitergeht.

Du hast Angst, dass du alles verlierst. Viel ist es nicht. Deine Familie, ab und zu der Turnverein, ein Sandkastenfreund, sonst der Computer. Aber es ist deins, und du willst es behalten.

Und du hast Angst vor dem Spiegel. Du bist gross und breit gebaut, deine Haare werden dünner, seit du dreiundzwanzig bist. Die Frage, die du dir hundertmal stellst, ist immer dieselbe. Wird mich jemals jemand als Frau sehen?

Das Verstecken kennst du schon dein halbes Leben. Man hat dir früh gesagt, du sollst mehr wie ein Junge sein. Mutig, stark, wehr dich. Du hast dich gefragt, warum es dir nichts ausmacht, wenn sie dich zur Demütigung in die Mädchentoilette stossen. Warum du Angst vor dem Ball hast. Warum du anders bist als die anderen.

Der Schulpsychiater sagte, du solltest männlicher auftreten. Dass in deinem Kopf noch anderes mitlief, ADHS, Autismus, wird erst viel später jemand erkennen. Du warst all die Jahre nicht falsch. Du warst nur unerkannt, auf mehr als eine Art.

Also hast du dich versteckt. Jahrelang, rund um die Uhr. Und jetzt steckst du mittendrin in der Zeit ohne Arbeit. Zwei Jahre werden es am Ende sein, in denen du viel im Bett liegst und viel in einem Spiel bist, weil es dort einfacher ist, du selbst zu sein. Es werden die schwersten.

Danach ziehst du aus. Du wirst dich auf die eigene Wohnung freuen und dann feststellen, wie still es dort ist. Noch ohne Katzen. Irgendwann wirst du dasitzen und nicht mehr weiterwissen. Nicht wie es weitergehen soll, nicht wohin. Dann wählst du eine Nummer und bittest um einen Termin, bei der Kriseninterventionsstelle in Zürich. Das ist kein Versagen. Das ist der vernünftigste Anruf, den du machst.

Ich lüge dich nicht an, also der Reihe nach.

Deine Haare kommen nicht von selbst zurück. Du wirst auf eine Operation warten, danach vielleicht auf eine Transplantation. Deine Barthaare sind zu hell für den Laser, also wirst du bei der Nadelepilation sitzen und sie selbst zahlen. Vieles zahlst du selbst, niemand sagt dir vorher, wie teuer das wird und wie wenig die Kasse übernimmt. Geduld ist hier keine Tugend, sondern eine Voraussetzung. Informationen bekommst du kaum, du suchst dir alles zusammen, Formular für Formular, Amt für Amt. Auf weiten Strecken bist du allein unterwegs.

Die Community wird auch nicht automatisch dein Zuhause. Du wirst in Chats sitzen, in denen jemand schreibt, sie wäre sowieso trans, egal in welchem Körper sie geboren wäre, und du wirst merken, dass du das nicht nachfühlen kannst. Du willst einfach als Frau leben, ganz normal, nur bist du im falschen Körper zur Welt gekommen. Es gibt Queer-Bars, in denen für trans Frauen und für Frauen überhaupt wenig Platz bleibt, so männlich geprägt sind sie. Du wirst dich oft fragen, ob du am falschen Ort bist. Anschluss zu finden ist schwer, wenn man sich in der Gruppe nicht wiedererkennt.

Dann das, womit du nicht rechnest.

Deine Familie. Du wirst ihnen einen Brief schreiben, weil du es nicht aussprechen kannst. Sie antworten besser, als du befürchtest. Nicht perfekt. Jemand bittet dich, kein Papagei zu werden, weil die Person bei trans Frauen an Drag Queens denkt, weil das die Bilder sind, die es in die Medien schaffen. Deine Schwester braucht länger als die anderen. Das ist okay so. Du hast sie immer noch sehr lieb. Aber im Ganzen bist du deiner Familie heute näher als vorher. Danke, dass ihr zu mir steht und mich begleitet. Selbstverständlich ist das nicht. Ich bin sehr froh darüber.

Der Sandkastenfreund bleibt. Der Turnverein nicht. Er ist konservativ, und für eine trans Frau ist dort kein Platz. Also schreibst du deinen Rücktritt. Sport wird ein schwieriges Feld, das musst du wissen. Diese eine Angst war berechtigt. Die meisten anderen nicht. Das Publikum, vor dem du dich all die Jahre versteckt hast, schaut gar nicht so genau hin. Menschen denken viel weniger über dich nach, als du glaubst. Das klingt kalt. Es ist eine Erleichterung.

Das Verstecken hat dich nie geschützt. Sie haben dich trotzdem gemobbt. Es geht auch nicht darum, mutig zu sein. Es geht darum, es trotzdem zu tun. Und Warten macht es nicht leichter.

Vieles davon war unnötig schwer, und zwar nicht wegen der Menschen um dich herum. Die waren meistens in Ordnung. Es war schwer, weil es kaum Informationen gibt, weil sich niemand zuständig fühlt, weil man den Weg selbst suchen muss. Genau deshalb schreibe ich das hier auf.

Ich schreibe dir aus dem TGV nach Paris. Am anderen Ende wartet mein Freund. Du wirst ihn in einem Spiel kennenlernen, an einem dieser Abende, an denen du glaubst, dass in deinem Leben nichts mehr passiert.

Ich bereue fast nichts. Ich würde es der Familie persönlich sagen statt in einem Brief, das ist alles.

Es gibt weiterhin Tage, die schwer sind. Aber ich verstecke mich nicht mehr, und ich lebe so, wie ich bin.

Du sitzt da mit deinen aufgeklebten Nägeln, in einem Top und einem Rock, und suchst eine Antwort, die dir jemand von aussen gibt. Ich kann sie dir nicht geben.

Alles hat einen Anfang. Das hier hat kein Ende. Geh trotzdem los.