Abgestellt in der Armee


Es ist Abend im Aufenthaltsraum, in einem meiner Wiederholungskurse, irgendwo zwischen zwei Diensttagen. Wir liegen herum, halb in Uniform, halb schon müde. Einer der Truppenköche, einer, der mir in der Küche unterstellt ist, erzählt von einer Frau, die er kennengelernt hat, und dann fällt ein Spruch, den ich am längsten behalten habe. Was er wohl täte, lacht er, wenn sie sich als trans herausstellte. Die anderen lachen mit. Ich lache nicht. Ich sage auch nichts. Ich sitze dabei, seine Vorgesetzte, in derselben Uniform, und niemand im Raum ahnt, dass er gerade über jemanden wie mich redet. Ich muss mich zusammenreissen, um nicht zu weinen, um nichts zu sagen. Ich schweige und zähle insgeheim die Tage.

Ich habe gedient. Sergeant, Küchenchef, ich habe für die Kompanie gekocht, hunderte Teller, und ich war stolz auf meine Arbeit. Genau das macht diesen Abend so bitter. Es ist kein Fremder, der so redet. Es ist einer aus meiner eigenen Küche.

Noch schulde ich der Armee vierzehn Diensttage. Bezahlt habe ich trotzdem schon, mehrere tausend Franken Wehrpflichtersatz. Dabei lag es nicht an mir. Nach dem Abverdienen hat die Armee mich einfach vergessen, mich nicht mehr aufgeboten, und für die Jahre ohne Dienst kam die Rechnung. Mein Plan war, die restlichen Tage irgendwann nachzuholen und das Geld zurückzubekommen. So sieht es das Gesetz vor, wer seine Pflicht ganz erfüllt, dem wird die Abgabe erstattet.

Dann begann ich mit der Hormontherapie. Estradot, alle drei Tage ein Pflaster. Einige Monate später kam der Marschbefehl für den nächsten Wiederholungskurs, dieselbe Kompanie. Mein Körper hatte schon angefangen, sich zu verändern. Und ich wusste genau, in welchen Raum ich da zurückkehren würde.

Dabei ging es nicht einmal um etwas Grosses. Es ging um die Dusche. Ich kann nicht in die Männerdusche, nicht mehr. In die Frauendusche aber auch nicht. Für jemanden wie mich, mittendrin, hat die Armee keinen Ort vorgesehen, nicht einmal einen so banalen wie diesen. Dazu das Mannschaftszimmer, dieselben Männer, dieselben Sprüche. Ich wusste, dass ich das nicht noch einmal aushalten würde. Zu diesem WK bin ich nie eingerückt.

Also tat ich, was man tun soll. Ich wandte mich an die Fachstelle der Armee für Frauen und Diversity, die Stelle, die es für genau solche Fälle gibt. Die Armeeführung, steht auf ihrer Website, toleriere keine Diskriminierung und keinen Sexismus und verpflichte sich zu einer Kultur der Offenheit. Ich bat um das Einfachste, das mir einfiel: eine Versetzung in eine andere Einheit für die letzten vierzehn Tage, in der ich sicherer wäre.

Die Antwort war freundlich und nutzlos. Versetzen könne man mich nicht, dafür habe die Stelle kein Mitspracherecht. Was ich tun könne, sei, die Sprüche zu melden oder die Leute direkt anzusprechen. Im Klartext hiess das: Ich solle mich selbst outen, vor genau jenen, vor denen ich Angst hatte. Da verstand ich etwas. Für mich war diese Fachstelle nutzlos. Zuhören und beraten, das konnte sie. Nicht einmal weiterverwiesen hat sie mich, geschweige denn eingegriffen. In dem Moment, in dem ich sie brauchte, konnte sie nichts bewirken. Nur auf dem Papier.

Weil mir niemand eine sichere Umgebung bieten konnte, blieb am Ende ein Stempel: doppelt untauglich. Untauglich für den Militärdienst, untauglich für den Zivilschutz. Das klingt nach einer Lösung, ist aber eine Falle. Denn wer die Gesamtdienstpflicht nicht erfüllt, und mir fehlen vierzehn Tage, bekommt die bezahlte Abgabe nicht zurück. Eine echte Alternative bot mir niemand an, nur diesen Stempel. Und mit ihm behält die Armee mein Geld. Für etwas, das ich nicht verschuldet habe. Niemand hat das so gewollt. Es ist einfach nicht zu Ende gedacht, eine Lücke, durch die jemand wie ich fällt. Schon wieder eine.

Ich schrieb alle an, die zuständig sein könnten. Der Kanton antwortete, man führe die Gesetze nur aus, man mache sie nicht, das liege bei der Politik. Die eidgenössische Steuerverwaltung schrieb, das sei nicht ihr Aufgabengebiet. Der militärärztliche Dienst verwies weiter. Jede Stelle war höflich, jede hatte irgendwie recht, und keine war zuständig. So fühlt es sich an, ein Fall zu sein, der von Tisch zu Tisch geschoben wird, bis er von selbst aufgibt. An Akzeptanz fehlte es dabei nie. Alle waren freundlich, niemand stolperte über meinen Namen. Nur eine Lösung hatte keiner.

Aufgegeben habe ich nicht, aber nicht wegen des Apparats. Sondern wegen zweier Menschen. Die Unabhängige Vertrauensstelle für Angehörige der Armee, eine kleine Stelle, die ich zufällig fand, nahm sich meiner an. Kein Formular, kein Verweis. Sie griffen zum Telefon. Sie riefen herum, sprachen mit der Fachstelle, mit dem ärztlichen Dienst, und fanden Wege, von denen mir vorher niemand erzählt hatte.

Es gebe, sagten sie, eine besondere Untersuchungskommission, die nicht nur über die Tauglichkeit entscheide, sondern auch nach sicheren Rahmenbedingungen suche. Es gebe zum Beispiel einen Ort, eine Krankenabteilung der Armee, wo man es gewohnt sei, dass Leute mit besonderen Umständen Dienst leisten. Einer der beiden sprach mir das alles auf die Combox, schrieb es mir danach nochmals auf, und legte mir sogar einen Vorschlag bei, wie ich meine Mail an die zuständige Ärztin formulieren könnte. Plötzlich war da kein Stempel mehr, sondern ein Weg.

Am Ende stand eine Lösung, die zwei Menschen mir verschafft hatten und kein Amt. Über die besondere Kommission durfte ich meine restlichen Tage auf dem Waffenplatz Kloten leisten. Heimschläferin, abends nach Hause, morgens zurück in die Kaserne. Das Problem mit der Dusche stellte sich nicht mehr, weil ich gar nicht mehr dort übernachtete. Gelöst hatte es niemand, man hatte es umgangen. Nur für mich, nur dieses eine Mal. Das alles tut man sich nur an, wenn man das Geld zurückwill. Die nächste trans Frau wird vor derselben Dusche stehen und sich durch dieselben Ämter schreiben. Oder einfach aufgeben, eine Lösung zu suchen.

Eine Aufgabe hatte ich dort nicht mehr. Ich sass an einem fremden Waffenplatz und sass meine Tage ab, ohne Funktion. Dienen wollte ich, alle wussten das. Es lag nicht an mir, es gab nur keinen Platz mehr für mich. Keine Kompanie mit Einzeldusche, keinen Privatraum, nichts. Ich war abgestellt. Und auch hier fiel am Mittagstisch ein Spruch über trans Menschen. Ich sass dabei und weiss bis heute nicht, ob er ahnte, dass eine von uns am Tisch sitzt. Ich habe nichts gesagt.

Ich glaube nicht, dass diese Männer böse sind. Es ist die Konstellation. Männer unter sich, eng, Tag und Nacht, und irgendwie muss jeder einen krasseren Spruch machen als der andere. Über Frauen, über Schwule, über trans Menschen. Der Ton ist sexistisch, ganz selbstverständlich, und niemandem fällt es auf. Dabei will die Armee mehr Frauen. Sie wirbt um sie und ist zugleich ein Ort, an dem so über Frauen geredet wird. Für jemanden wie mich wird so ein Raum unmöglich.

Es wäre leicht, das als gutes Ende zu erzählen. Aber ich komme vom Anfang nicht los. Geholfen haben am Schluss zwei Menschen, die zum Hörer griffen, kein Amt. Denn der Fehler liegt im System. Eine Fachstelle für Frauen und Inklusion, die helfen soll, aber nicht helfen kann. Eine Gesetzeslücke, durch die ich falle, weil sich niemand zuständig fühlt. Das ist kein Pech. Das ist ein Systemfehler, und er gehört behoben.

Manchmal denke ich an den Aufenthaltsraum zurück. An das Lachen, an mein Schweigen. Ich gehöre dort nicht mehr hin, nicht so. Aber ich höre nicht auf zu reden. Diesmal nicht im Mannschaftszimmer, sondern hier.